Von der Ordnung des Ungefähren
Eine Expedition in die Bilderwelt der Heide Maibach
Von Bernd Czechner

Das Betrachten von Bildern, zumal von noch nie gesehenen - mehr noch von solchen, die gerade entstanden sind, deren Anblick den damit konfrontierten Betrachter in dem Maße überrascht, als sie sich von den zahlreichen anderen, über längere Zeit davor hin schon geschauten unterscheiden - hat etwas Exklusives, etwas von Entdeckung, etwas von Mitbesitz unter Wenigen. Und wenn sich das an den Entstehungsorten, im Atelier der Künstlerin zumal, oder etwa hoch über der sich stetig wandelnden Meeresfläche, an der Steilküste Istriens nämlich, ergibt, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, unter den örtlichen, akustischen, den räumlichen und lichtbedingten Gegebenheiten des Entstehens dieser Bilder, teilt sich etwas mit in doppelter Weise; etwas das schon da war, als sie geschaffen wurden - und immer noch ist, nachdem das Werk hinzukam. Heide Maibachs neue Arbeiten aus diesen intimen Bereichen als gedankliche Vision in die Öffentlichkeit einer Galerie zu übertragen, erdenkt augenblicklich die Gefährlichkeit mannigfaltiger Schaugewohntheiten und Beurteilungsstereotypen in den Zauber des Glücks jener Exklusivität. Denn der gesunde Menschenverstand wird Heide Maibachs Welt des Ungefähren nie auf die Spur kommen. Der gesunde Menschenverstand hat andere Bilder. Der gesunde Menschenverstand will nur sehen, was er schon kennt - was er als sich genehm wahrhaben will. Mit dem gesunden Menschenverstand ist nicht
zu rechnen bei der Entdeckung der Ordnung des Ungefähren in den Bildern der Heide Maibach. Dem gesunden Menschenverstand gebricht es nämlich am noch viel gesünderen Zweifel an der eigenen Verstandesgesundheit. Der gesunde Menschenverstand ist immun gegen die Wirkung transformierter Wirklichkeiten. Er will gar nicht erkennen, was er sieht, er will sehen, was er fraglos erkennen kann. Die Erkenntnis aus der Expedition in die Bilderwelten der Heide Maibach aber erschließt sich in der Gewisslichkeit einer unbegreifbaren Ordnung. Und so tastet sich der Blick über die Fläche jedes einzelnen Bildes hin um hinein zu gelangen in diese sonderbare Welt aus Farben und Geste. Sucht Identifikationspunkte mit all dem Vorgeschauten in sich selbst - trifft auf Widerstände und Abwege, endet mitunter und hoffentlich vorläufig in einer prädestinierten Sackgasse. Versucht sich zu orientieren zwischen Fiktion und Gegenstand, stolpert in Raumgebilde; wird halbwegs zurückgehalten von einer Vernunft, die zunächst Überblick gebietet. Nach und nach, neuwegs und schaubereiter nun fündig geworden inzwischen, wird der Blick freier vom Zwang, erkennen zu wollen, kann sich einlassen auf das Kennenlernen neuer Orte in der Welt einer eigensinnigen Begabung. Dieses Erkennenwollen - und vor allem das Wiedererkennenwollen - von schon Geschautem, ist einer der Flüche der passiven Teilnahme an höheren Entsprechungen menschlicher Existenzformulierungen. Kunst als vierter Aggregatzustand, als gleichsam heilige Erscheinungsform, ist nur über das Staunen erfahrbar. Heide Maibach bietet dem - quasi profanen - Betrachter mittels ihrer Kunst an, von der Ratlosigkeit in den Zustand des staunenden Erkennens zu gelangen. Dazwischen bleiben Unsicherheit, Arroganz, Bildung, Wissen - Ahnung zwar bestehen, doch ein Moment der Eroberung, der augenblicklichen Landnahme unter Verlust der eigenen Vorstellungsdürftigkeit befreit den Eroberer von sich selbst, wie das geschaute Neuland von der Einsamkeit vor seiner Entdeckung. Die von der Malerin Heide Maibach dargebotene Bilderwelt erfordert Konzentration in Selbstvergessenheit, und erfährt gleichzeitig die Wunderlichkeit deren Entlastung durch das Ungefähre.