Claus
Rudolph
Les divas
Mit ihrer narrativen Epik entsprechen die fotografischen Aufnahmen von Claus
Rudolph ganz dem Zeitgeist der Postmoderne. Sie zeigen Traumgesichter und phantastische
Szenen, die unsere Kenntnisse von der Welt ins Wanken bringen. Mit Überraschung
bewundern wir die aktuelle Präsenz längst verstorben geglaubter Bühnenhelden,
die sich als Produkte einer doppelten Travestie erweisen: Es sind Schauspieler
in der Rolle von Schauspielern. Die Welt, in die uns Claus Rudolph mit seinen
raffinierten Inszenierungen entführt, ist eine Welt im Zwischenbereich zwischen
Realität und Fiktion, zwischen sichtbarer Wirklichkeit und Imagination, zwischen
dem gelebten Leben und der Welt des schönen Scheins. Sie ist ein Spiel mit den
pathetischen Formeln der Werbeästhetik, mit der Inszenierung von Menschen als
fiktiven Persönlichkeiten und der publikumszentrierten Mythologisierung eines
ganz in seiner Rolle aufgehenden idealen Ich. Und doch unterscheiden sich die
Fot ografien von Claus Rudolph deutlich von denen der Werbeindustrie: Sie entlarven
das Rollenspiel als Travestie und die Welt des schönen Scheins als Produkt der
Phantasie. Sie tun dies nicht auf den ersten Blick, das ist das Raffinierte
daran. Sondern sie tun dies, nachdem man erst nach einiger Zeit des genaueren
Beobachtens erkannt hat, dass Marlene Dietrich in Wirklichkeit gar nicht Marlene
Dietrich ist.
Wie im Märchen erscheinen uns die inszenierten Inventionen des Künstlers. Sie sind uns vertraut und fremd zugleich. Die nostalgische Stimmung des Fin de siecle schimmert durch sie hindurch, das mondäne Savoirvivre der goldenen 20er Jahre – und doch atmen dies Darstellungen, die manchmal aussehen wie gemalt, ganz den Geist unserer Tage. Es sind gestellte, bis ins Detail auf ihre Betrachterwirkung hin kalkulierte Bildwerke, die den Anschein des Narrativen vermitteln OHNE dabei die letzten inhaltlichen Zusammenhänge dieser bildnerischen Erzählung zu verraten. So fordern sie einen kreativen Betrachter, der durch sei aktives gedankliches Zutun vollendet was der Künstler begonnen hat.
Einen großen Aufwand betreibt Claus Rudolph bei seinen Inszenierungen. Ein ganzes Heer von Leuchten und Lampen wird eingesetzt, LKW – weise wird Boden angekarrt, Nebel. und Windmaschinen kommen zum Einsatz, historische Fahrzeuge aus dem Verkehrsmuseum. Nicht selten dauert es ein Jahr oder länger, ehe die ursprünglich entwickelte Bildidee in den Studios des Künstlers oder an eigens dafür ausgewählten Orten tatsächlich verwirklicht werden können. Visagisten, Kostümbildner und Requisiteure sind wochen-, manchmal monatelang mit ihren Vorbereitungen beschäftigt, Bühnenbildner, die ganze Architekturfragmente bauen, und die Akteure schließlich, die mehr sind als bloße Modelle, die mit schauspielerischem Können den Anweisungen des Fotografen folgen, eines Fotografen im übrigen, der in seinen Werkhallen agiert wie ein Regisseur, der Psychologe, Dramaturg und Bild-Erfinder in einem ist. Man kann sich gut vorstellen, welcher Lärm und welch ein Gewusel an den Aufnahmeorten herrschen, doch nichts von all dem ist auf den Bildern von Claus Rudolph zu erkennen. Sie wirken inszeniert, ja perfekt inszeniert und strahlen doch gemessen an dem, was für ihr Zustandekommen an Vorbereitungen und werktechnisch notwendig ist, eine unglaubliche Ruhe aus. Ein wenig wirken diese Fotografien selbst dann, wenn sie ein wildes Gelage zeigen, wie die festgehaltenen Szenen aus einem Stummfilm. Das Bild alleine ist das Ziel, die Inszenierung und ihre Inhaltlichkeit. Nicht Marlene Dietrich wird hier dargestellt, sondern ihr Glamour, ihr Auftritt, ihre Inszenierung.
Fotografie, wie die Werbung sie begreift, ist die Kunst der Verführung. Fotografie wie Claus Rudolph sie begreift, ist die Kunst, den schönen Schein als Inszenierung zu entlarven und den abgebildeten Motiven als Momente eines Augenblicks ewige Gültigkeit zu verleihen. In ihrer vermeintlichen Schnappschussartigkeit überwinden die dargestellten Szenen die heuristische Bedeutung des Hier und Jetzt und werden sie zu narrativen Archetypen, in denen sich ganze Lebenspläne manifestieren – Lebenspläne, die anmuten wie eine Kurzgeschichte, ohne Anfang und ohne Ende also, Lebenspläne aber auch, die Ikonen gleich über sich selbst hinaus wirken und uns stärker berühren, als wir es im Augenblick der Betrachtung erahnen. Sie werden erleben, wie sich die Fotografien von Claus Rudolph in Ihr Gedächtnis eingraben und wie diese Lichtbilder heute Abend noch zuhause oder morgen in der Geschäftigkeit Ihres Alltags in Ihrer Erinnerung nachwirken.
Copyright Dr. Matthias Liebel